Es war ein schwüler Freitag Nachmittag als ER in die örtliche Polizeidienststelle seines kleinen aber sehr beschaulichen Dorfes eintrat. Ohne zu zögern ging ER geradewegs auf den kleinen dicklichen Mann zu, der in einer verblassten Polizeiuniform hinter seinem Schreibtisch saß und gerade in der Lokalzeitung die Automarktanzeigen studierte. ER blieb vor dem alten Holzschreibtisch des Polizisten stehen, räusperte sich kurz und als der Polizist seinen Blick von den seiner Meinung nach viel zu teuren Autos nahm und genervt hochsah, sagte ER:
Ich möchte Oberstudienrat Landbrecht wegen sexuellen Missbrauchs an seiner Tochter Magda anzeigen.
Der Polizist, der nur noch wenige Monate bis zu seiner Pensionierung hatte, kannte den Mann der ihm da gegenüberstand und der Polizist mochte ihn nicht. Der Polizist kannte aber auch Oberstudienrat Landbrecht. Landbrecht war der Lateinlehrer an einem Gymnasium in München und hatte sein geräumiges Haus unweit der kleinen Polizeidienststelle. Jeder im Ort kannte den Herrn Oberstudienrat. Der Landbrecht war zwar erst vor ein paar Jahren mit seiner Frau und den beiden Töchtern Magda und Laura in das beschauliche Dörfchen gezogen, doch dass der Landbrecht Oberstudienrat war, noch dazu am Gymnasium, das hatte sich sofort herumgesprochen. Ein jeder grüßte den Landbrecht geradezu unterwürfig, wenn man ihn beim Spazieren mit seinem Hund traf oder er sonntags im örtlichen Gasthaus zu mittags speiste.
ER sah den Polizisten erwartungsvoll an, denn gleich würde ER dem Polizisten etwas erzählen, was das schöne, geradezu perfekte Bild des Herrn Oberstudienrat gänzlich vernichten würde. Alle Details würde ER dem Polizisten erzählen. Nichts würde ER auslassen. Schließlich hatte ER alles zusammengeschrieben und würde Punkt für Punkt abarbeiten, was ER auf den kleinen weißen Zettel in seiner rechten Hosentasche notiert hatte.
Der Polizist fuhr sich durch seinen dicken Rauschbart, überlegte kurz, und sagte während sein Blick wieder auf die Zeitung mit den Autoanzeigen fiel:
Eine Anzeige gegen den Herrn Oberstudienrat mach ich nicht.
Eine Woche später hatte ER einen Termin im Polizeipräsidium München. Herr Hansbacher von der Abteilung für Sexualdelikte war der zuständige Sachbearbeiter und brachte IHN ins Vernehmungszimmer. Hansbacher hatte schon am Telefon erfahren, dass der Kollege von der Polizeidienststelle des Dorfes keine Anzeige gegen den Oberstudienrat Landbrecht schreiben wollte und wusste, dass man nun gegen den eigenen Kollegen wegen Strafvereitelung im Amt und Verdeckung einer Straftat ermitteln musste. In Polizeikreisen war es natürlich verpönt gegen die eigenen Kollegen vorzugehen. Aber in diesem Fall würde Hansbacher es wohl müssen, denn der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs war schließlich eine schwere Straftat und spätestens beim Lesen der Ermittlungsakte würde der Staatsanwalt sehen, dass ER bereits bei einer anderen Polizeidienststelle Anzeige erstatten wollte. Würde Hansbacher nicht gegen den Kollegen vorgehen, würde man auch gegen ihn ein Strafverfahren wegen Strafvereitelung und Verdeckung einer Straftat einleiten. In einem solchen Fall ist man dann doch seines selbst am nächsten, dachte Hansbacher.
ER folgte Hansbacher ins Vernehmungszimmer, nahm sofort Platz und noch eh Hansbacher die Türe zugemacht und sich hingesetzt hatte sagte ER:
Der Landbrecht hat seine Tochter missbraucht!
Hansbacher, der etwas verdutzt war, weil schließlich der Vernehmungsbeamte derjenige sein sollte, der das Gespräch führt und vor allem gezielte Fragen stellt, setzte sich an die gegenüberliegende Seite des Tisches und fragte etwas ungläubig:
Woher wissen Sie das denn?
Ich weiss es halt, sagte ER.
Das muss ich schon etwas genauer wissen, entgegnete Hansbacher und holte sein Diktiergerät aus der Innentasche seines schicken schwarzen Sakkos raus, daran denkend, das ein solch teures Sakko eigentlich gar nicht in seinem Budget war. Aber schließlich war Hansbacher Kriminalhauptkommissar in München. Und München ist schließlich kein Dorf, da muss man auch als Polizist was hermachen.
Sie hat sich mir geöffnet, fuhr ER fort
Wer?
Na die Magda.
Und warum sollte sie das tun?
Na weil Sie mir vertraut.
So, und warum vertraut Sie Ihnen.
Weil ich Sie gut kenne.
Woher kennen Sie die Magda denn so gut.
Sie reitet regelmäßig auf meinem Ponyhof.
Und da kommt die Magda einfach zu Ihnen und sagt dass sie von ihrem Vater sexuell missbraucht wird?
Ja
Das ist aber sehr ungewöhnlich. Ich mach diesen Beruf schon seit 13 Jahren und ich habe noch nie gehört, dass sich ein Mädchen einem Fremden - noch dazu einem Mann – so mir nichts dir nichts geöffnet hätte und dabei auch noch die Worte sexueller Missbrauch benutzt.
Nun ja, sie hat auch nicht sexueller Missbrauch gesagt, sondern ich hab sie gefragt?
Moment, Sie sind zur Magda hingegangen und haben Sie gefragt ob Sie sexuell missbraucht wird?
Ja.
Und was hat sie dann gesagt?
Nichts.
Wie Nichts.
Sie hat Nichts gesagt.
Und woher wissen Sie dann, dass Sie sexuell missbraucht wird?
Das hab ich anhand Ihrer Reaktion festgestellt
.
Ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie hier zur Wahrheit verpflichtet sind! Sie sind Zeuge und als Zeuge muss man die Wahrheit sagen! Man merkte dass Hansbacher langsam ungeduldig wurde und zunehmend Verärgerung über IHN empfand:
Hm wenn das so ist, entgegnete ER, muss ich mir das mit der Aussage nochmals überlegen…
Hansbacher sah sich in seiner anfänglichen Skepsis bestätigt und freute sich schon, dass er dann ja auch nicht gegen seinen eigenen Kollegen vorgehen müsste. Er machte die Akte zu und eh er aufstehen wollte, um sich von seinem Gegenüber zu verabschieden sagte ER:
Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie machen Ihr Diktiergerät aus und ich fahre mit meiner Aussage fort.
Hansbacher war baff, Soviel Dreistigkeit hatte er selten erlebt aber irgendwie machte ihn die Beharrlichkeit seines Gegenübers stutzig. Vielleicht war ja doch irgendetwas an dem Fall dran? Hansbacher entschloss sich kurzer Hand auf das Angebot einzugehen, tat aber nur so als würde das Tonbandgerät ausschalten und lies es einfach weiterlaufen.
ER sagte: Nun unter uns, ich weiß es deshalb, weil ich mit der Magda zusammen bin.
Hansbacher fiel fast der Becher aus der Hand.
Wie bitte? Sie meinen Sie sind mit der Magda ein Paar?
Ja!
Hansabcher war schockiert, So etwas hatte es in seiner 13 Jährigen Dienstzeit bei der Abteilung für Sexualdelikte noch nicht gegeben.
Die Magda ist doch erst 15 Jahre alt.
Ja und?
Na und Sie sind 76!! Sie könnten der Großvater von der Magda sein!
Wir lieben uns, sagte ER.
So und was sagt die Mutter von der Magda dazu?
Nichts.
Das kann ich mir nicht vorstellen.
Doch., denn Sie kann nichts dagegen sagen.
Und warum nicht.
Weil ich mit der Mutter von der Magda ein Verhältnis habe!
Jetzt fiel Hansbacher tatsächlich die Kaffeetasse aus der Hand und Hansbacher überlegte kurz, ob er das Gespräch für eine kurze Verschnaufpause unterbrechen sollte um sich kurz zu sammeln…
Das ist nicht Ihr ernst? Sie sind mit der Magda zusammen und haben gleichzeitig ein Verhältnis mit der Mutter von der Magda?
JA. Deshalb lässt sich ja auch der Oberstudienrat Landbrecht von der Mutter scheiden.
Hansbacher war fassungslos. Aber letztlich ging es ihn Nichts an. Es war nicht strafbar als76 Jähriger mit einer 15 jährigen zusammen zu sein, solange man nicht den Beischlaf oder sonstige sexuelle Handlungen an dem Mädchen vollzog . Das tat ER seinen Angaben zur Folge aber auch nicht.
Und was ist das jetzt mit dem sexuellen Missbrauch der Magda fragte Hansbacher:
Nun ja, ich habe eben an Ihrer Reaktion gemerkt, dass Sie sexuell missbraucht wird.
So, wie reagiert man denn da?
Naja verschlossen eben. Sie hätte ja ein klares Nein gesagt, wenn dem nicht so ist.
Aha, und nur weil Sie nichts auf diese Frage geantwortet hat wird sie also sexuell missbraucht?
Genau
Hansbacher dachte kurz nach, denn die Magda müsste ohnehin selbst vernommen werden, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. ER konnte ihm da nicht viel weiterhelfen. Außerdem nervte Hansbacher sein Gegenüber. ER war ihm nicht nur wegen des ihm als durchweg pervers vorkommenden Verhältisses mit der 15jährigen Magda irgendwie ungeheuer. Hansbacher beschloss daher das Verhör zu beenden und sagte:
Ich danke Ihnen. Ich werde mich bei Ihnen melden, das wars fürs erste.
Hansbacher stand auf um den dicklichen kleinen Mann zur Tür zu begleiten, der einen überraschten Blick in den Augen hatte, weil das verhör so ergebnislos beendet wurde:
Da ist noch was anderes, sagte ER.
Hansbacher, der sich bereits in seinem schicken Sakko in Richtung Feierabend gehen sah hielt kurz inne:
Noch was?
Ja, die Magda ist nämlich in großer Gefahr.
So von wem denn? FRAGTE Hansbacher noch ungläubiger als zuvor
Von ihrem Freund.
Von Ihrem Freund? Also Ihnen?
Nein, ich bin nicht mehr ihr Freund. Die hat da seit kurzem so nen 18 jährigen Barkeeper in ihrer Arbeit im Hotel. Aber das barkeepern macht der nur nebenbei. In Wirklichkeit ist er Menschenhändler und Zuhälter. Den will ich auch anzeigen.
Woher wissen Sie dass denn schon wieder?
Weil er die Magda immer nach Ulm an einen Pornoring verkauft. Immer am Wochenende. Dabei hilft ihm eine 50 jährige Prostituierte. Die kenn ich, denn bei der bin ich auch manchmal. Und über die kann ich Ihnen sagen, dass die ihrem Gewerbe illegal nachgeht. Das ist nämlich gar nicht angemeldet. Die Adresse vom Hotel des Barkeepers und die Adresse der Prostituierten habe ich Ihnen mitgebracht.
ER holte zwei Schmierzettel aus seiner Hosentasche und übergab Sie mit einem Grinsen dem Hauptkommissar weil ER meinte, dass auch ER einen guten Kriminaler abgegeben hätte, so organisiert wie ER schließlich war.
ER war aber noch nicht fertig. Kaum hatte sich Hansbacher die Namen und Adressen der Prostituierten und des Barkeepers –mehr beiläufig als in ernsthafter Ermittlungsarbeit mündend - notiert, sagte ER:
Und über meine Lebensgefährtin muss ich Ihnen auch noch was sagen!
Was eine Lebensgefährtin haben Sie neben Magda und Ihrer Mutter auch noch fragte Hansbacher leicht ironisch.
Ja sagte ER. Sie wohnt mit mir auf dem Ponyhof. Ich habe Magda versprochen, dass ich Magda alles vererbe, wenn sie mich heiratet. Daraufhin ist meine Lebengefährtin ausgeflippt. Sie hat heimliche Aktaufnahmen von mir und Magda gemacht und verbreitet diese unter den Reitschülern und im Internet.
Aktfotos von Ihnen und Magda, fragte Hansbacher zur Sicherheit nochmals nach?
Jawohl Aktfotos von Magda und mir. Und da sieht man alles, einfach alles. Das ist eine bodenlose Frechheit. Die hat uns sogar beim Geschlechtsverkehr fotografiert. Keinen Anstand diese Frau!
ER war ziemlich überrascht, als Hansbacher die Handschellen herauszog und ihm eng um die Handgelänke klickte.
Sie sind vorläufig festgenommen. Wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger, sagte Hansbacher, während er sein Tonbandgerät ausschaltete und zurück in die Schublade legte.